Zu Mabon werden wir eingeladen, auf all das in Dankbarkeit zu schauen, was wir empfangen, geerntet haben und ja, auch auf die Saat zu blicken, welche nicht aufgegangen ist. Und die Botschaft der Balance darin zu erkennen, anzuerkennen.
Manches Mal gelingt es nicht so leicht, eine nicht aufgegangene Saat zu verabschieden, loszulassen – wir fühlen einen Schmerz, der noch Aufmerksamkeit benötigt. Manches Mal wirkt es dann balsamisch heilend, gemeinsam mit jemandem dem Schmerz Aufmerksamkeit zu schenken. So kam diese Speise zu mir, diese Variante eines Rote-Beete-Carpaccio. Sie ist nicht von mir kreiert. Dieses Carpaccio hat Gino für mich bereitet, während ich ihm von einer Saat erzählte, die nicht aufgegangen ist.
Mit einem Essen beschenkt zu werden, ist Seelennahrung, die ich in Dankbarkeit empfangen kann, wie ich gleichfalls in Dankbarkeit jemand mit einem Essen beschenken kann – eine Erfahrung der Balance, die Maat lehrt.
Beim Genießen der Speise hielt und wiegte mich die Rahne (badischer Name für Rote Beete), die uralte Ahne, mit ihrer Mütterlichkeit in ihren Armen. Die Crema, von der die Rahne umhüllt ist, erzählt von der Süße, dem Herben, den Facetten des Lebens und dass es an uns ist, all dem einen würdevollen Raum zu geben – letztlich uns selbst liebevoll zu würdigen. Das Gelb der Mirabellen gleicht der wärmenden, stärkenden Sonne – mit ihrem Licht weicht die Dunkelheit. Das Weiß des Tomas erinnert, dass der Neubeginn wartet, die Lebens- und Seinsfreude wieder tanzen möchte: die Crema.
Gino, der Koch dieses Gerichts, ist Italiener und lehrt mich einmal mehr, dass es nicht viele Zutaten für ein köstliches Gericht benötigt und die Qualität der Zutaten wesentlich für das Geschmackserleben ist. Wie immer könnt ihr variieren, doch probiert es aus bei der Qualität der Zutaten keine Kompromisse einzugehen.
Merliana
Bild: Merliana


