Trauben mit Kürbis und Maronen

Ein besonders schöner Ritualabend

War das ein Hitze-Sommer! Gut, dass nun die Tag- und Nachtgleiche mit kühleren Nächten da ist und hoffentlich die Wolken auch mal Regen bringen. Die Menschen haben für uns Vögel zwar Trinkschalen aufgestellt, aber da muss ich immer aufpassen wegen deren Katze. Aber mich bekommt sie nicht! Selbst als sie mal den hohen Holunderbaum fast bis zu meinem Schlafplatz rauf ist, hat sie mich schnelle Taube nicht erwischt. Ätsch. Nur ein paar Federn musste ich lassen, aber die wachsen nach.

Einmal habe ich mich getraut und mich den zwei Frauen, die dort wohnen, ganz nah gezeigt und mich auf den Wasserschalenrand gesetzt als Dankeschön. Die haben sich dann auch darüber gefreut und meine Schönheit bewundert. Die Katze war nach meinem Auftritt fix und fertig, dass ich mich das getraut hatte.

Da ich den Menschen ja durchaus zugewandt bin, habe ich sie nun auch bei ihrem Erntedank-Ritual beobachtet. Immer auch die Katze im Blick. Das war mal wieder sehr interessant! Zuerst haben sie sich gegenseitig ihre Aura mit Wasser besprüht und damit so richtig durchgespült. Danach glitzerten die fünf Frauen richtig und waren viel unbeschwerter, als sie gekommen sind. Nach ihrem Kreisaufbau und ihren Anrufungen war die Welt um sie herum eine andere: Sie standen irgendwie in einem anderen Raum als wir alle draußen rundherum, die wir so interessiert zuschauten: die Bäume, die Kräuter, das Gemüse, die Mäuse und das kleine Volk – ja, klar, und auch ich von meinem Ulmenast herunter.

Die Menschenfrauen setzten sich um ihre Mitte, in der lauter mitgebrachte Früchte lagen: Trauben, frühe Äpfel, Birnen, letzte Zwetschgen und langweiliges Gemüse, das mich nicht weiter interessierte. Und jede von ihnen nahm nach und nach eine kleine Frucht zu sich und sprach darüber, was sie in diesem Jahr erkannt, von sich selbst gelernt und geschenkt bekommen hat. Da waren die Frauen ganz bei sich selbst, ihre Glitzeraura wurde dicht und schmal und Mutter Erde umhüllte sie mit ihrer Kraft. Nachdem jede ihre kleinen Früchte aufgegessen hatte sagen sie ein Dankeslied zusammen und das Innere ihres Kreises wurde ganz wirbelig und bunt von der Energie jeder Einzelnen. Das war immer das Schönste: wenn sich die Frauenenergien bunt vermischten – das passierte oft beim Singen oder beim Kreisaufbauen. Ich plusterte mich auf und schüttelte mein Gefieder vor lauter Wohlsein und Gänsehaut, auch wenn ich ja eine Taube bin. In der Mitte stand auch eine Schüssel mit Wasser, das diese Energie aufsaugte. Das ist ja das Tolle an Wasser: ständig kann es Energie aufnehmen und sich so verändern. Beneidenswert. Das Wasser wurde in Fläschchen verteilt zu jeder Frau, die es sich in ihre Tasche oder ihren Gürtel steckte. Sie wollten es in die Welt hinaus tragen in verschiedene Gewässer, die dann diese guten Energien verbreiten sollten. Das klappt sicherlich, dachte ich mir!

Dann kam eine andere Bewegung in den Kreis: Die Frauen legten einen Stock auf der Erde parat. Und eine jede stellte sich mit dem einen Bein auf die eine und dem anderen Bein auf die andere Seite des Stocks. Ich dachte schon, sie wollten ihn hochnehmen und damit hexenmäßig losfliegen. Da wäre ich glatt mitgeflogen! Aber nein, sie schlossen die Augen und fühlten in den Übergang und die Balance hinein, die an der Tag- und Nachtgleiche besteht. Ein Bein im hellen Sommer, ein Bein im dunkler werdenden Herbst. Ich konnte die verschiedenen Seiten so richtig sehen – hell und dunkel. Irgendwann sind sie dann auf die Herbst-Seite gestiegen und schauten, was sie dort wohl erwartete. Die Menschen brauchen da oft ein Werkzeug weil sie nicht so klar sehen können wie ich und sie nahmen die hübschen runden Tarotkarten dazu. Ich finde ja: Lass kommen, was kommt. Aber die Menschen wollen halt immer gerne wissen, was kommt. So sind sie eben.

Beim Auflösen des Kreises waren die Frauen wieder ganz in unserer Welt, aber die Farben und Strömungen des Kreises liefen in ihren eigenen Schwingungen zu uns allen, die zugeschaut hatten. Die Bäume und Kräuter reckten sich geradezu danach, das kleine Volk sprang fröhlich zwischen den Farbwellen hin und her, um sie zu erwischen, und Mutter Erde nahm sie mit einem wohligen Einatmen auf. Ich flog flatternd am Rand auf den Boden und wickelte auch noch ein paar schöne Farbwellen um meine Federn.

Zum Ritualgelage der Frauen kam dann die Katze immer näher und ich flog lieber wieder auf meinen Holunderbaum zum Weiterträumen. Sie lassen später ja immer Brotkrümel und Früchte da, damit auch ich mir etwas picken kann. Das gefällt mir.

AnaNut